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Samstag, 15. August 2015

Manchmal schäme ich mich, Schweizerin zu sein

Vor etwa drei Wochen habe ich angefangen, einen Text darüber schreiben, dass ich mich für einige meiner Schweizer Mitbürger schäme. Irgendwie habe ich ihn aber liegen lassen. Bis ich in den Medien immer häufiger zum Thema Migration und Rassismus las. Obwohl mein Blog eigentlich unpolitisch ist, hier nun doch mein Text dazu.

(Ich benutze im folgenden die Wir-Form, es sollte offensichtlich sein, wer sich angesprochen fühlen sollte.) 

Viele Migranten kommen in die Schweiz in der Hoffnung auf ein wirtschaftlich stabiles und ruhiges Leben in Sicherheit. Viele landen ungeplant hier, auf der Flucht vor Gewalt, Krieg und Verfolgung, in der Hoffnung auf ein bisschen Frieden. Die Schweiz hat den Ruf ein Land zu sein, in dem wir alle in einem gewissen Luxus leben. Und haben wir nicht wirklich diesen Luxus, diesen Überfluss, und vor allem diesen Frieden in der Schweiz? Haben wir nicht alles das und noch mehr? Können wir es anderen Menschen verübeln, wenn sie auch etwas Luxus, Frieden und Sicherheit wollen? 

Oft muss ich an einen Serben denken, den ich vor ein paar Jahren in den USA kennengelernt hatte, wo er den Sommer über arbeitete. Er konnte partout nicht verstehen, dass ich dem Paradies Schweiz den Rücken kehrte, um in einem Land wie Mexiko zu leben. Was für ein furchtbarer Tausch! Wütend schrie er: «Ich und meine Familie, wir würden alles dafür geben, um in der Schweiz leben zu können, und du, du hast das Glück dort geboren zu sein und verlässt das Land einfach… für Mexiko!! Jeder weiss doch, wie gefährlich es dort ist. Wie blöde bist du eigentlich?» Mit meinem Argument «ich bin glücklich in Mexiko» stiess ich auf taube Ohren. Auch hier in Mexiko stosse ich oft auf Unverständnis ob meiner Entscheidung, denn auch hier hat man vom «Paradies Schweiz» gehört.

«Das Glück dort geboren zu sein». Obwohl ich der Schweiz inzwischen den Rücken gekehrt habe, muss ich dem empörten Serben in dem Punkt recht geben. Das Glück, am richtigen Ort geboren zu sein. Schlussendlich ist es doch das, was uns von «den Ausländern» unterscheidet. Wir hatten einfach verdammt Glück, in einem Land geboren zu werden, wo Frieden und Wohlstand herrschen. Aber teilen wollen wir das natürlich nicht. Wir wollen das alles nur für uns alleine haben! Diese Ausländer nehmen nämlich alle unsere Arbeit weg. Sie klauen uns unseren Wohlstand. Und kaufen uns das tolle Smartphone vor der Nase weg! 
Wenn uns dann doch das schlechte Gewissen packt, spenden wir hundert Franken an eine Hilfsorganisation. Aber warum nicht vor der eigenen Haustüre anfangen? Ein bisschen Gastfreundschaft zum Beispiel. Ein bisschen weniger Diskriminierung. Ein bisschen Mitgefühl.

Wenn es die Leute, die aus ihrem eigenen Land vertrieben wurden, bei uns zu ein bisschen Glück und Wohlstand schaffen, warum irritiert uns das so? Wenn es andere, die freiwillig zu uns kamen, zu etwas bringen, warum stört uns das? Würden sich Kulturen nicht vermischen und weiterentwickeln, wir würden vermutlich immer noch Höhlenwände bemalen. Oder wie frühere Königsfamilien fleissig Inzest betreiben, damit unser wertvolles Blut auch ja nicht mit «minderwertigem» vermischt wird. Haben wir denn aus der Weltgeschichte gar nichts gelernt? Schauen wir nur mal Einheimische Fakten an: Geht es der Schweiz schlechter, seit Menschen aus anderen Ländern einwandern? Nicht wirklich, oder?

Das Traurige ist, dass diese Menschen in der Schweiz meistens doch nicht wirklich glücklich sind. Während beispielsweise wir Expats in Mexiko gerne hier leben und glücklich sind. Klar vermissen wir das eine oder andere aus der Heimat (Schoggi!! ÖV!), aber wir möchten nicht zurück. Im Gegensatz zu so manchen Migranten in der Schweiz. Viele, die ich kenne, haben grosses Heimweh. Aber in ihrem Land herrscht Krieg oder miserable wirtschaftliche Zustände. Viele, die aus freien Stücken in die Schweiz kamen, wollen im Ruhestand zurück in die Heimat. Was ich gut verstehen kann. 

Vor allem der Anfang, die ersten ein bis zwei Jahre in der Schweiz sind oft schwierig. Denn wir Schweizer sind ja nicht gerade für unsere Herzlichkeit und Gastfreundschaft bekannt. (Kein Wunder leben (laut dem EDA) etwas über 10% der Schweizer im Ausland.) Viele der neu Zugewanderten kommen aus Ländern, wo das soziale Umfeld eine grosse Rolle spielt im Leben. Dann kommen sie in die Schweiz, wo es nicht einfach ist, neue Freunde zu finden. In der Schweiz ist man anfangs ein bisschen einsamer als in anderen Ländern. Schweizer brauchen eben eine Weile, um sich zu öffnen. Ganz zu schweigen von der Sprache - Schwiizerdütsch - und den Vorurteilen, gegen die sie zu kämpfen haben (je nach Ort mehr oder weniger). 

Ganz ehrlich, ich schäme mich ein bisschen, dass Menschen in mein Land ziehen, aber ausser den ökonomischen Vorteilen und der Sicherheit nicht sehr viel Gutes darüber zu berichten wissen. Das ist zwar toll, aber was ist mit den Schweizern? Die wenigsten sagen «ach, ich liebe die Menschen dort! Ich habe so eine tolle Zeit!». OK, sie lieben die Ehrlichkeit von uns Schweizern. Das ist ja schon einmal etwas. Aber trotzdem. 

Ich habe das selber miterlebt, als mein Mann in der Schweiz lebte. Da sein Deutsch noch brüchig war, fand er keine Arbeit. Ihm wurde das Telefon aufgelegt, er wurde sogar ausgelacht. Es war, gelinde gesagt, interessant, zu sehen, wie anders er behandelt wurde als ich. Manchmal wurden wir angestarrt, wenn wir Hand in Hand durch die Stadt spazierten. Wegen der unterschiedlichen Hautfarbe? Wobei ich hier vielleicht erwähnen sollte, dass wir in Luzern wohnten - das ja nicht gerade für seine liberale Einstellung und Offenheit bekannt ist. (Vielleicht hätten wir allen Leuten sagen sollen, dass er katholisch ist?). Einmal sogar wurde er von zehn Jungs verprügelt (gegen ihn alleine), nur weil ein besoffener Raudi es unverschämt fand, dass er ihm nicht antwortete. Mein Mann war damals nur zu Besuch in Luzern und sprach noch kein Wort Deutsch. 

Vor einigen Jahren arbeitete ich in einem Personalvermittlungsbüro. Es war an der Tagesordnung, dass Arbeitgeber ausdrücklich nach Schweizern verlangten. «Aber nicht diese Papierschweizer, sondern richtige Schweizer. Ich will keinen -ic.» Denn diese arbeiten ja doch nicht recht. Und die Italiener sind alles faule Säcke. (Ja, darum haben sie uns auch den Gotthardtunnel gebaut, gell). Und die Spanier kann ja sowieso keine brauchen. Und Afrikaner (weil dieser Kontinent ja von der Schweiz aus gesehen ein riesiges Land ist) um Gottes Willen bloss nicht, die stehlen alle oder verkaufen Drogen. Nach zwei Jahren in diesem Büro kann ich sagen, wir hatten genauso viele faule Ost- oder Südeuropäer wie Afrikaner oder Schweizer oder sonstige Landesangehörige. Und der Typ der mir drohte, mit seinem Maschinengewehr vorbeizukommen und uns alle zu erschiessen, hatte einen sehr schweizerischen Nachnamen. Es gibt eben überall schwarze Schafe. Aber ein Schwarz-Weiss-Denken ist eben so viel einfacher. 

Natürlich ist Rassismus nicht nur in der Schweiz ein Problem, aber ich kenne nunmal vor allem die Schweiz, und frage mich, Schweizer, was ist los mit euch?! Ich sehe ja ein, dass die grosse Einwanderungswelle in unserer Hemisphäre ein Problem darstellt, für das wir wohl noch keine Lösung gefunden haben. Aber diese Einwanderer so zu behandeln ist ganz sicher keine Lösung. Woher kommt bloss all dieser Hass? Ich schäme mich für euer Verhalten. Ich schäme mich für alle Menschen, egal wo auf der Welt, die rassistisch denken. Ich schäme mich dafür, dass ihr so grosse Angst vor «Fremdem» habt. Ich schäme mich dafür, dass eure Angst oder euer Unwohlsein grösser ist, als eure Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Die Migranten, diese Menschen, sind nicht das Problem, das ihr bekämpfen müsst. Sie sind lediglich das Produkt eines viel grösseren Problems. Es nennt sich Politik. Weltweite Politik. Eine Politik in der gewisse Länder ausgenutzt werden und ewige Verlierer sind. Informiert euch doch mal ganz genau, warum z.B. in gewissen Ländern Afrikas Krieg herrscht, und welche Länder dort alles involviert sind. Oder lest über die Geschichte Mittelamerikas. Wer sich dort so bereicherte.   


Wir wurden mit einem Privileg geboren. Dem Privileg, in einem Land zu leben, wo es so etwas wie freier Wille tatsächlich gibt. Ein Land, wo wir nicht hungern müssen, ein Land wo unseren Kindern alle Türe offen stehen. Statt dies alles für uns behalten zu wollen, statt dafür zu kämpfen, das ja nicht teilen zu müssen, macht etwas daraus! Teilt! Verbessert diese Welt! Helft den Menschen, die dieses Glück nicht hatten!